Nancy Jahns

Gestörte Ordnung, verlorene Perfektion

Fotografien und Objekte von Nancy Jahns

von Günter Kowa

Betritt man eine Ausstellung mit Werken von Nancy Jahns, wähnt man sich im ersten Eindruck auf kulturell gewohntem Terrain: kleine Preziosen auf Podesten oder Sockeln, Fotografien an den Wänden, hie und da das Flackern einer Videoinstallation. Tritt man näher an die Dinge heran, zerbröselt die Erwartungshaltung angesichts von unerklärlichen Dingen. Skulpturen von scheinbar praktikablem Nutzen aber untauglicher widersinniger Form, im Material künstlerisch in Holz oder Metall, aber dennoch wie irgendwo aufgelesen. Fotos scheinen gleichfalls Kunstwerke zu dokumentieren, aber zu sehen sind Plastiken vom Wegesrand, Grafiken in Asphalt, Sand oder Pfützen. Nancy Jahns Konzept-Künstlerin zu nennen, liegt nahe, aber ihr Konzept kommt nicht als Manifest daher, es entzieht sich einer konkreten Definition. Es liegt gewissermaßen im Beiläufigen, Unerwarteten. Nancy Jahns ist Minimalistin, aber sie glaubt auch an das Handwerkliche.

Ihre Skulpturen zum Beispiel: klein, handlich, gedrechselt, geschliffen, teils bemalt. Und fast immer paradox, wie die „Lichtobjekt“ genannte Holzplastik, die in der Birnenform und mit dem Loch in der Mitte an den Klangkörper einer Gitarre erinnert, aber mit schwarzem Samt bezogen ist. Ihre Holzobjekte wirken ernsthaft und kostbar, aber das macht nur umso bewusster, wie unstabil sie sind, eher wie Kreisel, und nicht nur nutzlos, sondern in ihrer Nutzlosigkeit absurd und skurril. Sie verlegt sich auch auf kleine Installationen, die das Genre zu parodieren scheinen, oder einfach nur mit der Assoziation des Titels spielen, wie der Ball, der „Medizin“ heißt und dabei vergoldet ist.

Ihre Fotos kommen nicht bedeutungsvoll als Kunst oder Reportage daher. Ein Video von ihr zeigt die Strichzeichnung eines Häuschens in dreidimensionaler Umfahrung. Eine Folge von Dias mit dem Titel „Arbeit“ findet den künstlerischen Moment in aufgemeißelte Straßen, in Sandkuhlen und raureifbedeckte Steinhaufen. Sie geht auf abseitigen „Wegen“, schaut in „Gegenlicht“. Ihre merkwürdigsten Aufnahmen könnten auf eine Art unbedachte Schnappschüsse sein, man sieht Zufallsszenen von Menschen unterwegs in Parks, auf Schiffen, in Flughäfen, am Strand. „Gruppen“ nennt sie die Serie, was auch wieder wie gestellt klingt. Aber bei Jahns treten Menschen in eine unbewusste Beziehung zu ihrer Umgebung, die Fotografie analysiert die Koordinaten des Raums, in dem sie sich frei und doch vorbedingt bewegen. Die Schweizerin Regine Bungartz, Künstlerkollegin und zugleich Dozentin für Kunstvermittlung, spricht vom „Aufbrechen der bestehenden Ordnung“ in Jahns Fotos, von Störung im Vorhandenen, vom Sich-Behaupten in der Realität. So betrachtet, wird jener Anschein von Beiläufigkeit in Jahns Fotos zu einer Wahrnehmung des Zufalls, der mit der Pose vom „Entscheidenden Augenblick“ Cartier-Bressons nichts mehr gemein hat. So wie bei ihrer Plastik die Minimal Art eine ferne Erinnerung ist, scheint es, als wäre Nancy Jahns von den Ergebnissen ihrer künstlerischen Arbeit selbst überrascht.